Politik der
Verantwortung
Von der alten Holzbrücke, die Lütisburg und Ganterschwil verbindet, erhielten wir einen eindrücklichen Einblick in die vielfältige Landschaft. Ein umgestürzter Baum lässt auf die Anwesenheit
von Bibern schliessen. Othmar Gerschwiler, Gemeindepräsident von Ganterschwil, und
Reto Zingg klärten uns darüber auf, wie es dazu kam, dass das früher von der Armee
als Schiessplatz genutzte Gebiet Letzi wieder zu einem Auengebiet gemacht
werden konnte, und dass wertvolle Naturräume un
d menschliche Aufenthalte in der
Natur sich nicht ausschliessen. Im Gebiet Stutz an der Thur wurden wir u.a.
darüber informiert, wie wichtig Tümpel sind, die bei Hochwasser entstehen und
später wieder austrocknen. Dort können Tiere eine Heimat finden, die bei
ständigen stehenden Gewässern von Fischen als natürliche Räuber bedroht wären,
z.B. die Gelbbauchunke. Aber auch über die Gefahren von Neophyten wie Wasserpest,
Japanknöterich oder Drüsiges Springkraut wurden wir hingewiesen. Auch
Schwarzmilane und Rotmilane konnten wir sehen und hören. – In jeder Hinsicht
ein Naturerlebnis pur!
Im lauschigen Haslen-Beizli mit wunderschönem Garten stärkten wir
uns mit einem feinen Mittagessen. Imelda Stadler, Gemeindepräsidentin von
Lütisburg , Kantonsrätin und Mitglied der Umweltfreisinnigen, informierte uns über das Dorf
Lütisburg mit seinen zehn Brücken und zehn Restaurants. Nach kurzer Wanderung
zum Flusskraftwerk Mülau zeigte uns Andreas Jossi, zukünftiger Geschäftsführer
der Energie AG Kirchberg, das sich noch im Bau befindende neue Kraftwerk, das
Stauwehr, die Fischtreppe für den Fischaufstieg und klärte uns über die Problematik
des Fischabstiegs auf. Wir sind gespannt auf die weitere Ausgestaltung des
Naturraumes unterhalb des Flusskraftwerks mit dem ehemaligen Kanal, der zum
alten Flusskraftwerk führte.
Über eine steile Wiese hinauf kamen wir in das Gebiet von Bazenheid.
Dort machte uns Christoph Häne, Gemeindepräsident von Kirchberg, mit seiner Gemeinde
vertraut, die aus fünf Dörfern und rund hundert Weilern besteht und die grösste
Landwirtschaftsgemeinde im Kanton St.Gallen und die zweitgrösste
Landwirtschaftsgemeinde der Schweiz ist. Er klärte uns darüber auf, dass im
Zusammenhang mit der grössten in der Schweiz laufenden Melioration verschiedene
ökologische Vernetzungs-Projekte (Feuchtgebiete, Bachöffnungen, Heckenpflanzen
etc.) verwirklicht wurden und erklärte uns, wie die strikte Anwendung des Verursacherprinzip
bei der Kläranlage zur Eindämmung der Verschmutzung des Abwassers führte.
Anschliessend führte uns Reto Zingg durch den Naturerlebnisraum
Bräägg, der als Realersatz im Rahmen der Umfahrungsstrasse Bazenheid erstellt
wurde. Sehr eindrücklich ist der Findlingsweg mit verschiedenen Gesteinsarten. Auf dem Acker mit alten Getreidesorten und
Ackerbegleitflora blühten Mohn- und Kornblumen und die seltene Kornrade. Mit einem
von Soldaten gebauten Steg im Bachbett unter der Strasse als „Trottoir“ für
Tiere wie Füchse, Dachse etc. sind zwei Teile des Naturerlebnisraumes verbunden.
Von einem Holzhäuschen aus können die Vögel auf und um den Baggerweiher
beobachtet werden. Wir haben gelernt, dass Naturschutz nicht bedeutet, die
Natur einfach wachsen zu lassen. In dunklen Wäldern ist die Artenvielfalt
bedeutend geringer als wenn eine Lichtung geschlagen wird. Und auch eine Aue
oder einen anderen Naturerlebnisraum zu errichten genügt nicht. Solche Plätze
müssen gepflegt werden und es müssen Neophyten ständig bekämpft werden. Die
Artenvielfalt ist für das Zusammenspiel in der Natur und die verschiedenen
Naturkreisläufe ausserordentlich wichtig. Bekannt sind heute erst zwischen 2
und 20% der Arten. Doch jeden Tag sterben 100 Arten aus. Der Handlungsbedarf im
Bereich Biodiversität ist deshalb dringend.
Müde und bereichert um viele neue Eindrücke löschten wir zum Schluss im Restaurant „Traube“ in Bräägg unseren Durst, bevor wir zum Bahnhof Bazenheid weiterzogen und von dort die Rückreise antraten. An dieser Stelle nochmals ein grosses Dankeschön an alle Beteiligten!
Nicole Zürcher Fausch, Präsidentin Umweltfreisinnige St.Gallen (UFS)